Jan David Zimmermann (Braun)
UniversitĂ€t Wien & Ăsterreichische Akademie der Wissenschaften

Wissenschaft, Alfred Kubin, 1901. Quelle
(Bericht aus einer Akademie)[1]
Vorbemerkung
Der vorliegende Text ist ein Bericht aus den bisherigen Arbeiten und eine ErklĂ€rung einiger theoretischer AnsĂ€tze zu meiner wissenschaftshistorischen Dissertation, die folgenden Arbeitstitel trĂ€gt: “Die VerrĂ€umlichung der Sprache. Mundarten zwischen Visualisierung, ReprĂ€sentation und Expansion in der Dialektologie des Deutschen von 1918 bis 1955″. Diese Arbeit wird durch ein ĂAW-DOC-Stipendium finanziert, das ich am 1.12.2017 angetreten habe und dessen Laufzeit zwei Jahre betrĂ€gt. Zudem ist es mir möglich, im Rahmen des Go! Digital-Projektes Austrian Dialect Cartography 1924-1956. Digitalisation, Contextualisation, Visualisation in nunmehr ĂŒberwiegend organisatorischer und koordinierender Funktion tĂ€tig zu sein, wobei ich dabei an der Abteilung “Variation und Wandel des Deutschen in Ăsterreich” (Ăsterreichische Akademie der Wissenschaften, ACDH) im angegebenen Projekt seit MĂ€rz 2017 arbeite.
GrundsÀtzliches: fehlende Selbst-Reflexion der (Sprach-)Wissenschaft, Meta-Theorie & Historische Epistemologie
Nicht wenige wissenschaftliche Disziplinen haben ein besonderes Manko, das paradox erscheint, da es eine wesentliche Tugend des Wissenschaftlichen bedeuten könnte, will man das Denken zum Zentrum von Forschung machen: die Wissenschaft reflektiert sich in vielen Punkten als soziales, politisches, bĂŒrokratisches, kurz: gesellschaftliches System nicht selbst. Die ebenso populĂ€re wie provokante EinschĂ€tzung “Die Wissenschaft denkt nicht”[2] des Philosophen Martin Heidegger bekommt in diesem Zusammenhang einen groĂen Wahrheitsgehalt[3], fehlt doch in vielen Disziplinen eine grundsĂ€tzliche BeschĂ€ftigung mit den epistemologischen, also erkenntnistheoretischen Grundlagen von Wissenschaft in ihrer Zeichenhaftigkeit (SemiotizitĂ€t), Struktur, SozialitĂ€t, Institutionalisierung und politischen Dimension, d.i. die kulturelle Praxis “Wissenschaft” in ihrer umfassenden Gesellschaftlichkeit.
“Und dieser Satz âDie Wissenschaft denkt nichtâ, der viel Aufsehen erregte, [âŠ] bedeutet, die Wissenschaft bewegt sich nicht in der Dimension der Philosophie. Sie ist aber, ohne dass sie es weiĂ, auf diese Dimension angewiesen. Zum Beispiel die Physik. Bewegt sich im Bereich von Raum und Zeit und Bewegung. Was Bewegung, was Raum, was Zeit ist, kann die Wissenschaft als Wissenschaft nicht entscheiden. Die Wissenschaft denkt also nicht, das heiĂt sie kann gar nicht denken [âŠ] mit ihren Methoden. Ich kann nicht zum Beispiel physikalisch oder mit physikalischen Methoden sagen, was die Physik ist. Sondern was die Physik ist, kann ich nur denken, philosophierend sagen. âDie Wissenschaft denkt nichtâ ist kein Vorwurf, sondern ist nur eine Feststellung der inneren Struktur der Wissenschaft.” — Heidegger im Interview.
Paradox an diesem Nicht-Reflektieren ist zudem, dass die Wissenschaft sich im Bereich der Geisteswissenschaften aber gleichzeitig weitgehend mit sich selbst beschĂ€ftigt[4], jedoch, da staatlich gefördert, den Schritt in die Ăkonomisierung der wissenschaftlichen Inhalte und Ergebnisse selten gehen oder wagen muss und somit stĂ€ndig auf sich selbst referiert[5], ohne ihr VerhĂ€ltnis zur Gesellschaft wirklich zum Thema zu machen.[6] Tagungen, VortrĂ€ge, Institute sind hauptsĂ€chlich fĂŒr die scientific community und fĂŒr Studenten bestimmt, selten fĂŒr andere soziale Gruppen, die die einfache aber unangenehme Frage nach dem “Warum?” der Forschung stellen könnten. In den FĂ€llen, in denen Forschung augenscheinlich auf und in die Gesellschaft wirkt (Medizin, Ingenieurwesen, Biotechnologie und andere naturwissenschaftliche Disziplinen) transzendiert Wissenschaft natĂŒrlich den eigenen Bereich. In vielen anderen FĂ€llen “nĂŒtzt” die Wissenschaft jedoch am meisten der Gesellschaft der Forschenden, womit sich das Paradoxon (zumindest teilweise) auflöst: wissenschaftliche Inhalte dienen als soziale Konvention[7] und Paradigmen in vielerlei Hinsicht besonders dem Erhalt, der Stabilisierung und Perpetuierung der eigenen sozialen Gruppe.[8] Read more ›




