Anforderungen an eine serielle Untersuchung des Pariser Wettbewerbs von 1797/99 zum Einfluss der Zeichen auf das Denken

Kerstin Ohligschlaeger-Lim
Universität Potsdam

Im folgenden soll die Untersuchung des Pariser Wettbewerbs zum Einfluss der Zeichen auf das Denken (1797/99) vorgestellt werden. Dieser Wettbewerb gliedert sich in epistemologische und semiotische Diskurse des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Frankreich ein, in denen die Übertragbarkeit der wissenschaftlichen Terminologie nach dem Vorbild der Naturwissenschaften auf die nicht-exakten Wissenschaften diskutiert wurde.

Die Spezifik des Wettbewerbs von 1797/99 liegt nicht allein in der Fragestellung nach dem Einfluss der Zeichen auf das Denken, sondern vielmehr in ihrer sprachtheoretischen Begründung. Der enorme institutionelle Einfluss der Gruppe der Ideologen[1] und ihr Bestreben, ein auf dem Sensualismus beruhendes Wissenschaftsprogramm zu entwickeln, sowie die unmittelbar vorangegangene Erneuerung der wissenschaftlichen Terminologie in der Chemie durch Antoine-Laurent de Lavoisier (1743-1794), die auf Etienne Bonnot de Condillacs (1714-1780) Annahme von Sprache als analytischer Methode beruht, stellen die inhaltliche Grundlage für die Ausschreibung des Wettbewerbs dar. Ausgeschrieben wurde der Wettbewerb von der zweiten Klasse des 1795 in Nachfolge der alten Akademien gegründeten Institut de France.

Zunächst einige visuelle Eindrücke des archivalischen Fundus:

 

Archivalischer Fundus, Manuskript B2-5 (1799), Deckblatt

Archivalischer Fundus, Manuskript B2-5 (1799), Deckblatt

Archivalischer Fundus, Manuskript B2-5 (1799), Seite 1

Archivalischer Fundus, Manuskript B2-5 (1799), Seite 1

Die ausgeschriebene Frage ist in fünf Teilfragen untergliedert, die die zu behandelnden Schwerpunkte festlegen. Im Einzelnen sollte untersucht werden, ob sich die Sinneseindrücke nur mit Hilfe der Zeichen in Ideen umwandeln lassen, ob die Kunst des Denkens perfekt wäre, wenn es die Kunst der Zeichen wäre, ob die Genauigkeit bzw. Ungenauigkeit in den exakten bzw. nicht-exakten Wissenschaften ausschließlich an der Kunst der Zeichen liegt und ob es eine Möglichkeit gibt, in den nicht-exakten Wissenschaften Zeichen zu finden, die in ihrer Genauigkeit denen der exakten Wissenschaften entsprechen.

  1. Est-il bien vrai que les sensations ne puissent se transformer en idées que par le moyen des signes? Ou, ce qui revient au même, nos premières idées supposent-elles essentiellement le secours des signes?
  2. L’art de penser seroit-il parfait, si l’art des signes étoit porté à sa perfection?
  3. Dans les sciences où la vérité est reçue sans contestation, n’est-ce pas à la perfection des signes qu’on en est redevable?
  4. Dans celles qui fournissent un aliment éternel aux disputes, le partage des opinions n’est-il pas un effet nécessaire de l’inexactitude des signes?
  5. Y-a t’il quelque moyen de corriger les signes mal faits, et de rendre toutes les sciences également susceptibles de démonstration? (Lancelin 1801 – 1803: I, XII)

Der Wettbewerb wurde erstmals im Jahre 1796 ausgeschrieben; den potentiellen Teilnehmern blieb ein Jahr für ihre Antworten. Als im Jahr 1797 die 13 Einsendungen überprüft wurden, stellte die Jury fest, dass keine der gewünschten Komplexität entsprach und schrieb die Frage erneut aus, diesmal gingen zehn Einsendungen ein, darunter auch die des Gewinners und des Zweit- und Drittplatzierten. Aus diesem Grunde wird dieser Wettbewerb stets mit den beiden Jahreszahlen 1797 und 1799 angegeben.

Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Daten zum Wettbewerb dar. Die Bezeichnungen B1 bzw. B2 (mit fortlaufender Kennziffer) bezeichnen, in Übernahme der Signaturen aus dem Archiv des Institut de France, die Einsendungen der ersten bzw. der zweiten Runde.

  • Wettbewerbszeitraum:
    • 20.6.1796 – 22.3.1799
  • 23 Einsendungen (unter Angabe der Signatur)
    • B1-1 (1797) bis B1-13 (1797)
    • B2-1 (1799) bis B2-10 (1799)
  • Prämierungen und Publikationen:
    • 1. Platz:
      • B2-9 (1799) = Joseph-Marie Degérando (1772-1842)
      • Publikation: Joseph-Marie Degérando (1800): Des signes et de l’art de penser considérés dans leurs rapports mutuels. 4 Bände. Paris: Boujon, Fuchs, Henrichs.
    • 2. Platz (Accessit):
      • B2-2 (1799) = Pierre Prévost (1751-1839)
      • Publikation: Pierre Prévost (1800): Des signes envisagés relativement à leur influence sur la formation des idées. Paris: Baudouin.
    • 3. Platz (Mention honorable):
      • Publikation: Pierre Prévost (1800): Des signes envisagés relativement à leur influence sur la formation des idées. Paris: Baudouin.
      • ohne offizielle Publikation, deshalb in der Forschungsliteratur oftmals nicht den prämierten Einsendungen zugerechnet
      • Aufgrund inhaltlicher Überschneidungen kann allerdings davon ausgegangen werden, dass die Publikationen Abrégé d’un cours complet de lexicologie (1801) und Abrégé d’un cours complet de lexicographie (1801) auf seinem Wettbewerbsbeitrag basieren.
    • irrtümlich auf dem 3. Platz angenommen:
      • B1-9 (1797) = Pierre François Lancelin (1769?-1809).
      • Publiziert 1801-1803 unter dem Titel Introduction à l’analyse des sciences. Paris: Firmin Didot & Bleuet.

Besonders spannend für die Behandlung dieses Wettbewerbs ist die Tatsache, dass es sich um einen fast ausschließlich archivalischen Fundus handelt, und die handgeschriebenen Manuskripte größtenteils weder gedruckt noch online publiziert worden waren. Im Rahmen einer größeren Arbeit habe ich die erstmalige Erschließung der Gesamtheit der Quellen – aller Manuskripte des Wettbewerbs – als Textserie durchgeführt. Die Preisfrage von 1797/99 wurde in der Forschung bislang lediglich als Quelle für ausgewählte sprachtheoretische Texte, aber nicht in ihrer Gesamtheit als Textserie betrachtet. Besonderer Vorzug lag dabei stets auf den drei publizierten Einsendungen unter Hintanstellung der nicht prämierten und nicht publizierten Manuskripte. Diese Tatsache erfordert das Vorgehen der seriellen Methode nach Schlieben-Lange (1984) und Haßler / Neis (2009), die in der vorliegenden Arbeit eingesetzt wurde. Preisfragen eignen sich in besonderer Weise für die Betrachtung als Textserie, da die Einsendungen alle in einem klar beschränkten Zeitraum und zu demselben Thema erstellt wurden. Darüber hinaus wurde in der vorliegenden Arbeit ein Kanon an Referenztexten festgestellt, auf die sich die meisten der Autoren beziehen.

Leitfragen bei der Auswertung der Manuskripte waren die Frage nach dem Einfluss der Ideologen, nach divergierenden Stellungnahmen und Entwicklungen in der ausschreibenden Sektion, nach Unterschieden zwischen der ersten und zweiten Serie sowie die Frage, ob von Degérando, wie in der Sekundärliteratur angenommen, in der ersten Serie eine weitere, nicht prämierte, Einsendung vorhanden ist.

Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Auf archivalischer Ebene konnten teilweise fehlerhafte Ein- und Zuordnung von Manuskripten zu Autoren, die sich lange durch die Forschungsliteratur zogen, korrigiert werden. Somit kann die weit verbreitete Annahme, dass Pierre François Lancelin (1769-1809) das zweite Accessit erhalten hätte, als Irrtum erwiesen werden, ebenso wie die fehlerhafte Zuordnung des Manuskripts B2-6 zu einem Verfasser namens Canard. Am wichtigsten erscheint allerdings die Erkenntnis, dass, wie bisher nur vermutet, aber nicht nachgewiesen werden konnte, der Gewinner Joseph-Marie Degérando (1772-1842) bereits in der ersten Ausschreibung teilgenommen hat und Verfasser des Manuskripts B1-12 ist.

Ein Vergleich beider Einsendungen (B1-12 und B2-9) mit der Publikation seiner prämierten Einsendung Des signes et de l’art de penser considérés dans leurs rapports mutuels (1800) kann dazu dienen, die Entwicklung in Degérandos sprachtheoretischem Denken innerhalb sehr kurzer Zeit aufzuzeigen. Anfangs eher sensualistisch geprägt, betont er schließlich die kreative innere Kraft des Menschen und reduziert die Rolle der Zeichen auf ein Hilfsmittel zur Aufmerksamkeit. Damit erhält seine Einordnung als Vertreter der Entsemiotisierung noch mehr Gewicht. Degérandos Einsendungen zeichnen sich zusätzlich durch eine starke Fokussierung auf die Schriftsprache aus, der er hinsichtlich der Entwicklung der Wissenschaften eine große Rolle zugesteht.

Zwischen den Einsendungen der ersten und der zweiten Runde lassen sich qualitative Unterschiede in der Stringenz der Argumentationen und der sprachtheoretischen und philosophischen Tiefe finden. Viele der Autoren der ersten Einsendungsrunde reichen Manuskripte ein, die das Thema verfehlen oder sich in Grundsatzbetrachtungen und Begriffserklärungen erschöpfen. Hierbei finden sich Exkurse zu Handel und Verkehr, zu Viehzucht und Ackerbau, zum Klima oder zur Astronomie.

Unter den Topoi, die übergreifend in allen eingegangenen Einsendungen sind, müssen zunächst die der Semiotisierung und der Entsemiotisierung nach Haßler (1999) genannt werden. Eine absolute Bejahung des konstitutiven Einflusses der Zeichen lässt sich allerdings in den Preisbewerberschriften nicht finden. Die Tendenz der Semiotisierung gesteht dabei den Zeichen einen großen konstitutiven Einfluss zu, während bei der Entsemiotisierung die Rolle der Zeichen zugunsten der inneren Prozesse des Menschen abgeschwächt wird. So gehen die Autoren der Einsendungen B1-6 (1797), B1-7 (1797), B1-9 (1797) oder B2-1 (1799) zwar von einem grundsätzlich konstitutiven Einfluss der Zeichen aus, schwächen ihren semiotischen Standpunkt allerdings zugunsten der Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Denkens von den sprachlichen Zeichen ab. Klare Stellungnahmen im Sinne der Entsemiotisierung finden sich bei den Autoren B1-2 (1797), B2-7 (1799) oder B2-4 (1799), die sich auf die kommunikative und die Ideen fixierende Funktion der Zeichen beschränken.
Weitere übergreifende Topoi stellen die Rolle der Analyse bzw. méthode analytique, die Hervorhebung der Schriftsprache gegenüber der Lautsprache, das Materialisieren des Denkens (matérialiser) und die Sprache der Mathematik als Vorbild für eine perfekte wissenschaftliche Sprache dar. Eine Vorbildfunktion, die übergreifend genannt wird, stellen auch die dem Wettbewerb vorangegangenen Versuche zur Pasigraphie und zur Universalsprache dar.

Die genannten Tendenzen der Semiotisierung und Entsemiotisierung nach Haßler (1999) sowie die Verweise auf die Mathematik als ideale Wissenschaftssprache sind nur die wichtigsten der vielen übergreifenden Argumente. Bezüge zu anderen Bereichen wie der Ingenieurskunst, der Genese der Menschheit oder der Astronomie stellen exotische Exkurse innerhalb einzelner Manuskripte dar, deren tiefere Erschließung lohnenswert erscheint.

Condillac ist für den Wettbewerb in zweifacher Hinsicht ein herausragender Referenzautor. Unter Betrachtung der im 18. Jahrhundert gängigen Zitierpraxis lässt sich die explizite Bezugnahme in allen 23 Einsendungen auf Condillac als überdurchschnittlich hoch bezeichnen. Dabei sind sowohl polemische Abgrenzungen als auch linientreue Übernahmen oder Weiterentwicklungen seiner Positionen zu finden. Als zweithäufigsten Autor wird auf John Locke (1632-1704) verwiesen, während Zitate anderer Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts (Francis Bacon, 1561-1626, Marie-Jean-Antoine-Nicolas Caritat de Condorcet, 1743-1794, Antoine Court de Gébelin, 1725-1784, Charles de Brosses, 1709-1777, René Descartes, 1596-1650, Claude Adrien Helvétius, 1715-1771, Nicolas de Malebranche, 1638-1715, oder Jean-Jacques Rousseau, 1712-1778) nur singulär explizit aufgeführt werden. Zum anderen stellte die posthume Veröffentlichung seiner Langue des calculs (1798), genau zwischen der ersten (1797) und der zweiten Ausschreibung (1799) einen starken Impuls für die Einsendungen der zweiten Serie dar. Die Auffassung von der Wissenschaft als einer perfekten Sprache lädt die Autoren der zweiten Serie zu weit spezifischeren Stellungnahmen ein als die der ersten Ausschreibungsrunde. Die Mathematik als perfekte Sprache erhält dadurch nochmals gesteigerte Aufmerksamkeit.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Wettbewerb von 1797/99 in seiner Heterogenität einerseits von den Erwartungen einer rein ideologischen Ausrichtung abweicht, andererseits aber genau durch diese Diversität sich wiederum in die vorherrschenden Diskurse seiner Zeit einordnet. Auch die qualitativen Unterschiede in einem Zeitraum von nur zwei Jahren sprechen dafür, dass die Frage nach dem Einfluss der Zeichen auf das Denken am Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich von großer Aktualität war.

Mit der vorliegenden erstmaligen Erschließung des archivalischen Korpus und der extensiven Zitierpraxis, die ich in meiner Dissertation vorgenommen habe, stehen nun dem interessierten Leser die Einsendungen in einer ausführlichen Form zur Verfügung; es bleibt zu hoffen, dass sich Untersuchungen weiterer Aspekte, die dieser reichhaltige Fundus birgt, anschließen mögen.

Anmerkungen

[1] Diese Gruppe von Ärzten, Wissenschaftlern und Philosophen, die sich dem Sensualismus in der Nachfolge Condillacs verpflichtet hatten und dennoch höchst unterschiedliche Ansätze verfolgten, saßen an wichtigen Schaltstellen der neu gegründeten Republik, so auch in der ausschreibenden Sektion, der Section des sensations et des idées. Näheres zu den Ideologen siehe Acton (1966), Schlieben-Lange (Hg.) (1989-1993) und Haßler (1999). Zur Geschichte der Zweiten Klasse siehe Simon und Leterrier (1992), Simon (1885) und Staum (1980).

Literatur

Acton, Harry B. (1966): “The philosophy of language in revolutionary France.” Studies in Philosophy. Ed. by J. N. Findlay. Oxford. Oxford University Press: 143-167.

Haßler, Gerda (1999): “Die Sprachtheorie der idéologues.” Sprachtheorien der Neuzeit. Der epistemologische Kontext neuzeitlicher Sprach- und Grammatiktheorien (Geschichte der Sprachtheorie, 4). Hrsg. von Peter Schmitter. Tübingen. Narr: 201-229.

Haßler, Gerda & Cordula Neis (Hg.) (2009): Lexikon sprachtheoretischer Grundbegriffe des 17. und 18. Jahrhunderts. Berlin: de Gruyter.

Lancelin, Pierre François. (1801-1803): Introduction à l’analyse des sciences, ou De la génération, des fondements, et des instruments de nos connoissances. 3 Bände. Paris: Bossange, Masson et Besson.Leterrier, Sophie-Anne. 1992. Les sciences morales et politiques à l’Institut de France. Dissertation. Paris 1, Lille. A.N.R.T.

Ohligschlaeger-Lim (2015): Erkenntnistheorie im ausgehenden 18. Jahrhundert in Frankreich. Eine Neubetrachtung des Pariser Wettbewerbs zur Frage nach dem Einfluss der Zeichen auf das Denken (1797/99). Dissertation. Potsdam.

Schlieben-Lange, Brigitte (1984): “Vom Vergessen in der Sprachwissenschaftsgeschichte. Zu den ‘Ideologen’ und ihrer Rezeption im 19. Jahrhundert.” Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 14: 53: 18-38.

Schlieben-Lange, Brigitte (ed.) (1989-1994): Europäische Sprachwissenschaft um 1800. (4 Bände). Münster: Nodus.

Simon, Jules. (1885): Une académie sous le Directoire. Paris.

Staum, Martin S. (1980): “The Class of Moral and Political Sciences, 1795-1803”. French Historical Studies 11: 3: 371-397.

How to cite this post

Ohligschlaeger-Lim, Kerstin. 2016. Anforderungen an eine serielle Untersuchung des Pariser Wettbewerbs von 1797/99 zum Einfluss der Zeichen auf das Denken. History and Philosophy of the Language Sciences. https://hiphilangsci.net/2016/05/29/anforderungen-an-eine-serielle-untersuchung-des-pariser-wettbewerbs-von-179799-zum-einfluss-der-zeichen-auf-das-denken

Posted in 18th century, Europe, Philosophy

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